Habt ihr euch schon mal gefragt, ob ihr wirklich glücklich seid? Ob ihr erreicht habt, was ihr euch vorgenommen habt vor vielen Jahren? Seid ihr angekommen, wo ihr hin wolltet? Ich denke, dass habt ihr euch schon desöfteren gefragt und die Antwort ist wahrscheinlich weniger positiv. Vor fast 30 Jahren tat sich bei mir eine große Weggabelung des Lebens auf. Ich besuchte die Handelsakademie und wollte eine Karrierefrau werden, die irgendwann mal finanziell unabhängig in ihrem Traumhaus, ihrem Pool und mit ihrem neuen Auto das Leben geniessen wollte. Meine Wunschvorstellung hielt genau solange an, bis ich meinen ersten Freund kennenlernte. Also genau zehn Monate. Die Liebe war so groß, daß wir heirateten und schon hatte ich mich entschieden, obwohl ich eigentlich gar keine Entscheidung fällen wollte und doch war es passiert. Wir lebten alleine in unserer Wohnung und nie war Geld da, weil uns die Kosten auffraßen.Also brach ich die Schule ab und entschied mich arbeiten zu gehen. Die einzige Arbeit, die ich fand, war als Näherin in einer Fabrik bei Mindestlohn mit Akkordarbeit. Ich war täglich von 4h früh, wegen der langen Busfahrt bis 19h am Abend im Berufsleben, danach folgte die Hausfrauenarbeit bis 22h, bevor ich müde ins Bett fiel. Nach drei Jahren standen wir vor der Scheidung. Geld war sowieso keines da, die Wohnung wurde aufgelassen und ich verliess das Bundesland. Mutterseelenalleine stand ich ohne jegliche Bekannte oder Ortskenntnisse in einem fremden Bundesland: Wien. Mit meinem Handgepäck ( eine Plastiktüte mit einer Strumpfhose, 3 Slips und meinem Geldbörserl inklusive 200 Schilling, das heute gerade mal 14,- Euro sind ) startete ich in meine neue Zukunft. Ich fand jemanden, der mich zum Schlafen aufnahm. Für die Benützung einer alten Couch zum Schlafen durfte ich der guten Frau im Monat 3000 Schilling ( ca 218,- Euro ) bezahlen. Da ich aber nur 14,- Euro zur Verfügung hatte, setzte ich alles dran, so rasch wie möglich Arbeit zu finden. Und ich fand sie. Ich arbeitete rund um die Uhr in einem Krankenhaus und war erneut in Ausbildung. Dort lernte ich meinen zweiten Mann kennen, zu dem ich dann rasch zog, um mir die überteuerten Couchkosten zu ersparen, da ich gerade mal 7000,- Schilling verdiente und ich nicht immer im Krankenhaus duschen und essen gehen wollte. Nach knapp einem Jahr heirateten wir und ich wurde schwanger. Berufswelt ade! Und nach der Geburt wurde ich wieder schwanger und wieder. Nach 6 Ehejahren hatten wir drei Kinder und als ich arbeiten gehen wollte, liess er sich scheiden. Grund: eine neue Liebe! Ich fiel mit meinen Kindern in die Arbeitslosigkeit, weil ich niemanden hatte, der auf sie aufpassen hätte können, während ich arbeitete. Lange Zeit später lernte ich Ehemann Nummer drei kennen. Innerhalb von ca 13 Ehejahren schafften wir zwei Kinder dazu. Ich nahm in dieser Zeit sehr viele Arbeiten an, viele davon waren Halb- oder gar Teilzeit, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Sparten. Geld brachte es nicht wirklich, aber es reichte zum Überleben. Die Kinder wurden größer, die finanziellen Probleme stiegen und mein Mann griff zum Alkohol. Als es so ausartete, daß er nicht mehr auf die Kinder achtete, wenn ich arbeitete, kam es zur Kündigung und zur Scheidung. Danach folgte für 8 Jahren mein nächster Lebenspartner, mit dem es eigentlich zum damaligen Zeitpunkt am Besten lief und erneut zwei Kinder entstanden. Arbeitslosigkeit, unsere Schulden am Haus, die restlichen finanziellen Probleme und seine verlorenen Nerven mit den Kindern trieben uns zum Schlußstrich, obwohl wir uns bis zum Ende restlos gut verstanden. Danach lernte ich meinen letzen Ehemann kennen, meinen Hasen! Wir sind glücklich miteinander, sofern man es Glück nennen kann, oder mehr Zufriedenheit? Am Stand der Kinder hat sich nicht wirklich viel geändert, außer daß ich zwei bildhübsche Töchter und einen entzückenden Sohn mehr habe. Am Rad der Finanzen hat sich auch nichts geändert und an der erneuten Arbeitssuche schon gar nicht. Die Zeiten werden schlimmer, die Arbeitsstellen weniger, die Fixkosten höher und meine Nerven sind bald nicht mehr vorhanden. Während die eine Tochter mich bald mit einem Enkelkind beschenkt, kämpft die andere dafür um ihre Existenz. Einen Sohn haben wir verloren, weil er lieber bei der Mutter lebt, die andere Tochter ist schwer auf Jobsuche und findet nichts außer Absagen. Der älteste Sohn ist in seiner Ausbildung bei einem Sklaventreiber, der andere steckt für ein Jahr in Umschulung, weil es keine Jobs mehr gibt. Die letzte Tochter ist im letzten ( freiwilligen ) Schuljahr, weil sie keine Lehrstelle findet, der andere Sohn bereits seit fast einem halben Jahr arbeitssuchend. Und fast alle ohne Bezüge oder finanzielle Unterstützung! Und dann sind da noch die zwei Kleinen. Derzeit sind sie beide glückliche Kiga-Kinder, doch nächstes Jahr beginnt für den einen bereits die Schule und auch ihr Kampf beginnt. Und mein Mann? Er arbeitet und arbeitet und arbeitet. Für einen Mindestlohn, zu unmenschlichen Zeiten, in einem Job, wo ich täglich um sein Leben bangen muss. Mein Lebensresume lässt mich fragen: Habe ich erreicht was ich wollte? Bin ich wirklich glücklich? Wird man bestraft, weil man sich eine intakte Familie wünscht, sich für Kinder entscheidet, den Mann unterstützt? Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht. Ich bin auf alle Fälle weiser geworden, älter und reifer. Aber von meinen Träumen, dem Haus, meinen tollen Beruf und das neue Auto ist nichts geblieben, aber...ich habe meine Kinder, meinen Mann und deren Liebe. Also habe ich das wichtigste Ziel geschafft: die Liebe!

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